Berlinische Galerie, Kunst in Berlin


Tastbild Straßenlärm Foto vom Tastbild Straßenlärm


Angebote in der Dauerausstellung „Kunst in Berlin 1880-1980” für blinde und sehbehinderte Menschen in der Berlinischen Galerie, Berlin


Besucht am 24.11.2017

Durch das Projekt „Kultur mit allen Sinnen“ des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes (DBSV) e. V. und der Berlinischen Galerie, Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur, ist es blinden und sehbehinderten Menschen nun möglich, sich nahezu selbstständig eine Ausstellung von Kunstwerken zu erschließen. Die Sammlungspräsentation „Kunst in Berlin 1880-1980“ wurde mit Tastmedien, einem taktilen Leitsystem und einer App versehen.

Zweieinhalb Jahre arbeiteten die Projektpartner daran, möglichst optimale Tastmodelle zu ausgewählten Kunstwerken zu erarbeiten, herauszufinden, mit welcher Technik beschreibende Informationen bereitgestellt werden können und wie Orientierungshilfen gestaltet sein müssen.

Die Ziele des Projekts bestanden darin, - eine Dauerausstellung so zu gestalten, dass ein blinder oder sehbehinderter Mensch jederzeit das Museum besuchen kann, um Kunst zu genießen. - dass App und Tastmodelle auch für sehende Besucher einen Mehrwert bringen (Schnittmengen eines gemeinsamen Nutzens für alle Besucher zu ermitteln) und - übertragbare Lösungen zu entwickeln.

Seit Oktober 2017 gibt es nun in der Berlinischen Galerie sieben Tastmodelle, eine App für das Smartphone mit 17 Stationen zu wichtigen Werken und, für ein Kunstmuseum außergewöhnlich, 300 m taktiles Bodenleitsystem. Es führt den Besucher vom Eingangsbereich in die Sammlung und durch die Sammlung, wo er sich jederzeit selbst entscheiden kann, welchen Weg er nehmen möchte. Quadratische Aufmerksamkeitsfelder zeigen an, dass der Weg eine Kurve macht oder man sich an einem Kunstwerk befindet.

Taststationen
Zweidimensionale Highlights der Berlinischen Galerie - wie etwa „Synthetischer Musiker” von Ivan Puni und „Tür” von Werner HeIdt - wurden taktil umgesetzt. So unterschiedliche Materialien wie Filz, Textil oder Holz vermitteln einen plastisch-stofflichen Eindruck des Originals. Wer jemals ein Museum besucht hat, kennt den Wunsch, einmal Kunst „anfassen zu dürfen” - hier wird er Realität. Und dies nützt nicht nur blinden Gästen: Denn alle, auch Kinder und Familien, können künftig dank der Tastmodelle Kunst nicht nur mit den Augen wahrnehmen. Die Werke für die Tastmodelle wurden gemeinsam mit dem Kuratorenteam ausgewählt und zeigen die Highlights der Sammlung. Im Hintergrund stand dabei die Frage, welches Werk lässt sich wie umsetzen. Vorzugsweise wurden Werke der bildenden Kunst, maßgeblich der Malerei oder gemischter Techniken, bearbeitet. Originale stehen zum Tasten nicht zur Verfügung. Dies wäre nur im Rahmen von Führungen möglich.

Beim Umsetzen der Tastmodelle wurde Wert auf Materialvielfalt gelegt. Auf Perspektive wurde verzichtet. Ein Kreis beispielsweise kann von sehenden Menschen sehr einfach als Kugel erkannt werden, insbesondere geburtsblinde Menschen können dies nicht. Details wurden reduziert, auf die Darstellung zu kleiner Dinge wurde verzichtet.

Ein Tastmodell kann Informationen über ein Originalkunstwerk geben, zum Beispiel über den Aufbau eines Bildes. Es wirkt jedoch selbst auch als Kunstwerk, löst beim Betasten Emotionen aus, die ein sehender Besucher bei Betrachten des Originals ähnlich empfindet. Ergänzende Erklärungen sind für beide Gruppen notwendig. Für blinde Menschen müssen Farben ergänzt werden.

Die Tastmodelle sind in die Sammlungspräsentation integriert ohne in besonderer Weise hervorzutreten. Zwischen Kunstwerk und Tastmodell soll keine Konkurrenz entstehen. Die Tastmodelle sind jederzeit zugänglich vor oder nahe bei den Originalen. So kann der sehbehinderte Mensch sein Restsehvermögen einsetzen - und wenn gewünscht - tasten. Gemeinsame Diskussionen mit Begleitpersonen können entstehen.

Es ist wichtig, dass blinde Menschen zum Tasten sitzen und ihren Langstock ablegen können. Die derzeitige Lösung ist nicht die perfekte. Die Modelle sind im Winkel von 90° jeweils am Ende von Sitzbänken installiert. So muss sich der Tastende verdrehen, um tasten zu können. An diesem Problem wird das Team der Berlinischen Galerie arbeiten.

Audioguide
Die Audiotour enthält nicht nur Basisinformationen, sondern es gibt verschiedene Ebenen:
- eine beschreibende Ebene, die im Detail erläutert, was auf dem Kunstwerk zu sehen ist
- Orientierungshinweise, die in Kombination mit dem taktilen Leitsystem funktionieren
- an den Stationen mit Tastmodell gibt es eine Tastbeschreibung
- man kann auswählen zwischen „blind“ oder „sehend“
- zwischen englisch und deutsch
- Spuren können stets gewechselt werden

Es hat sich jedoch herausgestellt, dass Hörgewohnheiten sehr unterschiedlich sind, Sehende halten die Textlängen für blinde Menschen schlecht aus. Die App kann heruntergeladen werden unter Berlinische Galerie, ein inklusiver guide.

Ein Guide kann auch vor Ort ausgeliehen werden. Die Tracks werden automatisch ausgelöst.

Fazit
Ein Besuch lohnt sich.

Kunstwerk "Die Tür" mit Tastmodell Foto vom Kunstwerk Die Tür mit Tastmodell